Erwägt das Gericht die Aussetzung einer lebenslangen Freiheitsstrafe oder einer zeitigen Strafe von mehr als zwei Jahren wegen bestimmter schwerer Taten und sind Sicherheitsbedenken nicht auszuschließen, muss es ein Sachverständigengutachten einholen. Der Sachverständige wird grundsätzlich mündlich gehört; Verurteilter und Verteidiger erhalten Gelegenheit zur Mitwirkung.
Das Wichtigste in Kürze
- Nicht jede Reststrafenentscheidung erfordert ein Gutachten.
- § 454 Absatz 2 benennt zwei Pflichtfälle.
- Gefragt wird nach fortbestehender tatbezogener Gefährlichkeit.
- Aktenbasis, Methode und Aktualität sind prüfbar.
Pflichtfälle und gesetzlicher Gutachtenauftrag
§ 454 Absatz 2 StPO verlangt ein Gutachten, wenn das Gericht die Aussetzung einer lebenslangen Strafe erwägt. Bei zeitiger Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren gilt dies für Taten der in § 66 Absatz 3 Satz 1 StGB bezeichneten Art, wenn Gründe der öffentlichen Sicherheit nicht auszuschließen sind.
Das Gutachten soll sich insbesondere dazu äußern, ob die durch die Tat hervorgetretene Gefährlichkeit fortbesteht. Der Sachverständige ist grundsätzlich mündlich anzuhören; Staatsanwaltschaft, Verurteilter, Verteidiger und Vollzugsanstalt erhalten Gelegenheit zur Mitwirkung. Auf die mündliche Anhörung können die bezeichneten Verfahrensbeteiligten verzichten.
Anknüpfungstatsachen und Untersuchung sorgfältig prüfen
Zu prüfen sind Auftrag, fachliche Qualifikation, Vollständigkeit der Akten, persönliche Untersuchung, verwendete Prognoseinstrumente und die Trennung gesicherter Tatsachen von Annahmen. Veraltete Vollzugsberichte oder sachlich falsche Anknüpfungstatsachen sollten früh berichtigt werden.
Bei der mündlichen Anhörung können offene Methodikfragen, alternative Erklärungen, Entwicklungen seit der Untersuchung und konkrete Sicherungen des Entlassungsplans angesprochen werden. Eigene fachliche Beratung kann erforderlich sein, ersetzt aber nicht automatisch das gerichtliche Gutachten.
- Gutachtenauftrag und vollständige Aktenbasis prüfen.
- Sachliche Fehler und fehlende aktuelle Berichte markieren.
- Methodik und Schlussfolgerungen getrennt bewerten.
- Fragen für die mündliche Sachverständigenanhörung vorbereiten.
Gutachten ist Beweismittel, nicht Entscheidung
Eine verweigerte Mitwirkung darf nicht schematisch mit fortbestehender Gefährlichkeit gleichgesetzt werden; zugleich kann eine unvollständige Tatsachenbasis die Prognose erschweren. Auch ein günstiges Gutachten bindet das Gericht nicht.
Allgemeine Information zum Rechtsstand 15. August 2026. Die fachgerechte Prüfung erfordert Kenntnis der Vollzugsakte, des Gutachtenauftrags und der angewandten Methode.
Häufige Folgefragen
Braucht jede Zwei-Drittel-Entscheidung ein Gutachten?
Nein. § 454 Absatz 2 nennt bestimmte Pflichtfälle; außerhalb davon kann die Sachaufklärung dennoch ein Gutachten erfordern.
Muss der Gutachter mündlich gehört werden?
Grundsätzlich ja. Verurteilter, Verteidiger und Staatsanwaltschaft können mitwirken; auf die Anhörung kann unter den gesetzlichen Voraussetzungen verzichtet werden.
Entscheidet der Gutachter über die Entlassung?
Nein. Das Gutachten unterstützt die Prognose; die Entscheidung trifft das Gericht.
Amtliche Quellen
Strafvollstreckung: Strafantritt, Geldstrafe und Entlassung
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