Ein aussagepsychologisches Gutachten prüft, ob eine konkrete Aussage mit wissenschaftlichen Methoden als erlebnisbasiert bewertet werden kann und welche Alternativerklärungen bestehen. Es stellt nicht fest, ob der Zeuge als Mensch 'glaubwürdig' ist, und entscheidet nicht über Schuld. Das Ergebnis ist ein Beweisanzeichen innerhalb der gerichtlichen Gesamtwürdigung.
Das Wichtigste in Kürze
- Untersucht wird die konkrete Aussage, nicht der allgemeine Charakter.
- Ausgangspunkt ist die Prüfung möglicher nicht erlebnisbasierter Entstehung.
- Aussagequalität, Konstanz, Entstehung und persönliche Voraussetzungen wirken zusammen.
- Das Gericht bleibt für Beweiswürdigung und Schuldfrage verantwortlich.
Gegenstand und Grenzen des Gutachtens
Nach §§ 73 und 80 StPO bestimmt das Gericht sachverständige Person, Auftrag und zugängliche Tatsachengrundlage. Ein Gutachten ist erforderlich, wenn die Beweisfrage besondere Sachkunde verlangt, die das Gericht nicht selbst besitzt; die Aufklärungspflicht folgt aus § 244 Absatz 2 StPO.
Die Aussagepsychologie prüft Alternativhypothesen, Aussageentstehung, Aussagetüchtigkeit, inhaltliche Qualität und Konstanz. Das Gutachten darf die rechtliche Beweiswürdigung nach § 261 StPO nicht vorwegnehmen.
Methodische Prüfung der Aussage
Benötigt werden möglichst wortgenaue frühe Aussagen, Befragungsbedingungen, Entwicklungsverlauf, mögliche Suggestionen und relevante persönliche Voraussetzungen. Ohne belastbares Ausgangsmaterial kann auch ein qualifizierter Experte nur begrenzte Schlüsse ziehen.
Ein Beweisantrag sollte die besondere fachliche Frage benennen, nicht pauschal 'Glaubwürdigkeit' verlangen. Denkbar sind etwa besondere suggestive Entstehungsbedingungen oder komplexe entwicklungspsychologische Einschränkungen.
- Originalaussagen und Befragungsbedingungen sichern.
- Konkrete psychologische Fachfrage formulieren.
- Geeignete Qualifikation und Untersuchungsmethode prüfen.
- Gutachten in die gesamte Beweislage einordnen.
Wann ein Antrag sinnvoll sein kann
Aussagepsychologische Kriterien sind keine Checkliste, bei der viele Details automatisch Wahrheit bedeuten. Auch erlebnisnahe Schilderungen können anders entstanden sein; umgekehrt können wahre Aussagen detailarm sein.
Allgemeine Information zum Rechtsstand 10. August 2026. Ob besondere Sachkunde nötig ist, entscheidet sich an Person, Aussageentwicklung und konkreter Beweislage.
Häufige Folgefragen
Entscheidet der Gutachter, ob der Zeuge lügt?
Nein. Er bewertet fachlich die Aussage und Alternativhypothesen; die Beweisentscheidung trifft das Gericht.
Braucht jeder Aussage-gegen-Aussage-Fall ein Gutachten?
Nein. Gerichte können Aussagen grundsätzlich selbst würdigen; besondere Sachkunde ist nur bei konkreten zusätzlichen Umständen erforderlich.
Wird der Zeuge untersucht?
Das hängt vom Auftrag ab. Zentral sind Aussageentstehung und -entwicklung; Tests oder Exploration müssen fachlich begründet sein.
Amtliche Quellen
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